Teambesprechung. Ein Fehler ist passiert. Ein Kollege gibt ihn zu, erklärt kurz, was schiefgelaufen ist, und macht weiter. Als eine Kollegin an der Reihe ist, klingt das anders. Sie überlegt, wie sie ihre Worte wählt. Sie erklärt, rechtfertigt sich, spielt den Fehler vielleicht sogar herunter. Nicht, weil sie weniger kompetent ist. Sondern weil sie befürchtet, dass man sie daran messen könnte.
In männerdominierten Teams fällt es Frauen schwerer, zu eigenen Patzern zu stehen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie, die im Fachjournal Frontiers in Organizational Psychology veröffentlicht wurde. Dafür wurden 1.485 Beschäftigte aus dem britischen Finanzsektor befragt, darunter 1.205 Frauen und 280 Männer.
Frauen fühlen sich in Männerteams weniger sicher
Die Teilnehmenden sollten sich einen Fehler bei der Arbeit vorstellen und einschätzen, wie wohl sie sich fühlen würden, ihn zuzugeben, ob sie Nachteile erwarteten und ob der Fehler als Lernchance gesehen würde. Besonders deutlich war der Unterschied in Teams, in denen mindestens 75 Prozent Männer arbeiteten: Frauen fühlten sich dort weniger sicher, einen Fehler einzugestehen, und sahen darin seltener eine Lernchance als ihre männlichen Kollegen. Ein Fehler ist dann nicht einfach ein Fehler. Er kann sich anfühlen, als würde er gleich das ganze Bild infrage stellen: Bin ich gut genug für diesen Job? Muss ich noch mehr leisten, damit man mich ernst nimmt? Wo Frauen in der Mehrheit waren, verschwanden diese Unterschiede weitgehend.
Interessant: Die Studie fand keinen entsprechenden Geschlechterunterschied bei den erwarteten formellen Strafen. Es geht also weniger um die Angst vor einer offiziellen Abmahnung als um etwas, das schwerer zu greifen ist: die Sorge, nach einem Fehler als weniger kompetent zu gelten. Die Ergebnisse zeigen Zusammenhänge, beweisen aber nicht, dass der Männeranteil allein diese Unterschiede verursacht.
Psychologisch ist das nachvollziehbar. Wer befürchtet, wegen eines Fehlers schlechter beurteilt zu werden, steht stärker unter Druck. Die Angst vor negativen Reaktionen kann dazu führen, dass Menschen länger grübeln, sich übermäßig rechtfertigen oder lieber schweigen. Fehler werden dann nicht mehr als normaler Teil der Arbeit gesehen, sondern als möglicher Beweis dafür, dass man nicht gut genug ist. Frauen können dadurch in eine Falle geraten: Sie grübeln länger, entschuldigen sich häufiger und versuchen, möglichst keine Angriffsfläche zu bieten. Das kann dazu führen, dass Probleme später angesprochen werden.
Sind Frauen unter Chefinnen anders?
Die kurze Antwort: Das kann sein – aber eine Chefin allein macht noch keine bessere Fehlerkultur. Eine Chefin kann hier ein Vorbild sein. Sie kann zeigen, dass auch erfahrene Führungskräfte Fehler machen, Verantwortung übernehmen und daraus lernen. Eine Chefin ist nicht automatisch verständnisvoller, ein Chef nicht automatisch strenger. Entscheidend ist, wie Führungskräfte mit Fehlern umgehen: Suchen sie nach Lösungen oder nach Schuldigen? Gelten für alle dieselben Maßstäbe?
Wie Frauen sich besser positionieren können
- Fehler sachlich benennen: „Das ist schiefgelaufen. Ich kümmere mich um die Lösung.“ Mehr Rechtfertigung ist oft nicht nötig.
- Sich nicht kleiner machen: Ergebnisse, Erfolge und Verantwortung klar benennen, statt sich vorsorglich zu entschuldigen.
- Kritik prüfen: Ist sie berechtigt und konkret – oder wird aus einem Fehler gleich ein Urteil über die gesamte Kompetenz?
- Verbündete suchen: Faire Kollegen, Mentorinnen und Vorgesetzte können Rückhalt geben und helfen, doppelte Maßstäbe anzusprechen.
- Nicht alles selbst lösen wollen: Frauen dürfen an ihrem Auftreten arbeiten. Für eine faire Fehlerkultur sind aber auch Führungskräfte und Unternehmen verantwortlich.
Fehler machen alle. Die entscheidende Frage ist, ob man danach gemeinsam nach einer Lösung sucht. Frauen müssen nicht lernen, jeden Druck besser auszuhalten. Sie dürfen auch erwarten, dass sich ihr Arbeitsumfeld verändert.
*Die Studie wurde am 8. Oktober 2026. Sie beruht auf Einschätzungen zu einem vorgestellten Fehler und ist nicht repräsentativ für alle Branchen



