Es gibt diese Kollegen, die nie offen brüllen, nie die Faust auf den Tisch hauen – und trotzdem jeden Arbeitstag ein bisschen anstrengender machen. Sie rollen mit den Augen, lassen spitze Halbsätze fallen und packen Gemeinheiten in das Geschenkpapier eines Kompliments. Man könnte sie Kaktus-Kollegen nennen: harmlos im Stehen, gefährlich beim Anlehnen.
Das Tückische daran ist, dass die Ablehnung selten knallt. Häufiger schleicht sie sich ein. Etwa, wenn direkt vor dir die Afterwork-Runde geplant wird – und du als Einziger nicht gemeint bist. Von außen wirkt das wie eine Lappalie. Für den Betroffenen wird daraus ein Muster, aus dem man nur schwer wieder herausfindet.
Das Lächeln als Rettungsboot
Ich erinnere mich an einen meiner ersten Jobs. Privat hätte ich um eine bestimmte Kollegin einen großen Bogen gemacht, beruflich ging das nicht – wir saßen in denselben Meetings. In Woche drei traute ich mich, in einer Runde einen Gedanken auszusprechen, der mich Überwindung gekostet hatte. Sie drehte sich lächelnd zum Team und lobte mich dafür, dass ich Ideen schon teilte, bevor sie zu Ende gedacht seien.
Freundlich genug, um nicht greifbar zu sein. Boshaft genug, um zu treffen. Ein paar lachten, ich lachte mit – als wäre Mitlachen ein Rettungsboot. Tatsächlich sprang ich selbst ins kalte Wasser und winkte fröhlich.
Wenn Spitzen System haben
Die Arbeitspsychologie kennt für solche Situationen den Begriff der „Workplace Incivility“ – respektloses Verhalten, dessen Absicht angenehm unklar bleibt. Wer ausgegrenzt wird, erlebt „Workplace Ostracism“. Eine im Fachjournal „Frontiers in Psychology“ veröffentlichte Meta-Analyse mit rund 27.000 Beschäftigten zeigt: Soziales Kaltstellen verändert messbar, wie Menschen arbeiten.
Von echtem Mobbing spricht man erst bei systematischer Schikane über längere Zeit, nicht bei einzelnen Sticheleien. Laut Bundes-Mobbing-Report sind 6,5 Prozent der Beschäftigten betroffen, bei den 18- bis 29-Jährigen sogar 11,4 Prozent. Mobbing-Opfer fehlen im Schnitt 22,6 Tage pro Jahr.
„Schweigen ist nicht Professionalität“
Arbeitspsychologe Prof. Hannes Zacher sieht im Kaktus-Kollegen ein Brennglas der modernen Arbeitswelt: Teams kooperieren enger denn je, ungelöste Verletzungen verschwinden aber nicht von allein. Leidet die psychologische Sicherheit, teilen Menschen weniger Ideen und stecken weniger Energie in die Zusammenarbeit. Ein klassischer Fehler sei es, Konflikten dauerhaft auszuweichen. Ein anderer, jede Provokation stumm zu ertragen.
Rechtsanwalt Christian Wermke macht klar: Das Arbeitsrecht bestraft kein Gefühl, sondern Verhalten. Kollegen müssen sich nicht mögen. Justiziabel wird es erst bei Beleidigungen, falschen Behauptungen oder wiederholtem Herabwürdigen. Wer aus Abneigung die Zusammenarbeit verweigert, verletzt seine Pflichten.
Sein Tipp: nach unangenehmen Situationen notieren, was passiert ist, wer dabei war und welche Folgen es für die Arbeit hatte. So wird aus dem vagen Bauchgefühl ein nachvollziehbarer Vorgang.
Die Show selbst beenden
Beim nächsten vergifteten Kompliment vor Publikum stellte ich nur eine Frage: „Wie genau ist das gemeint?“ Plötzlich war sie diejenige, die verlegen lachte und murmelte, das sei doch nett gewesen. Danach klärte ich bei gemeinsamen Projekten früh: Wer, was, bis wann? Höflich, aber nicht verfügbar für Demütigungen. Der Kaktus blieb stehen. Ich rückte nur meinen Stuhl ein Stück weiter weg.
